
Wie entsteht eine Zeitung?
Wahrscheinlich oft aus einem tiefen Gefühl
der Ohnmacht und Unzufriedenheit über den
Fluß zeitgenössischer Information, ihrer
Auswahl und der Weise ihrer Präsentation
von einer überge- ordneten Ebene herab auf
die "Lesergemeinde". Im Fall des
SAURÜSSELS waren es zwei
knapp Zwanzig-Jährige, die sich in der allgemeinen
kulturellen Ver- sulztheit und Regungslosigkeit
auf dem Lande, konkret: im Oberen Mühlviertel,
nicht mehr ergeben wollten. "Selbst müßte
man eine Zeitung machen". So ähnlich
muß wohl der junge Andreas Höllinger
aus Putzleinsdorf, damals noch Behindertenbetreuer
in Hartheim, dem nur etwas älteren Georg
Schwarz seinen Unmut geklagt haben.
Es spricht für die
grundsätzliche Begabung Georgs zum Regionalbetreuer,
daß er das persönliche Anliegen von
Andreas als ein regionales erkannt hat, und
daß er ihn mit anderen Leuten zu- sammengebracht
hat, die sein Anliegen teilten. Unter
den Akteuren des Regionalvereins
(Siehe VEROM im Impressum) fanden sich Männer
und Frauen, die genügend
Mut und Unternehmungsgeist
aufbrachten, um die Anregung von Andreas und
Georg aufzugreifen, und die Idee von einer unabhängigen,
eigen- ständigen "Zeitung der Mühl-
viertler/innen" mit ihnen gemein- sam
zu verwirklichen.
Andreas ist der Einzige aus der Gründergeneration
des
SAURÜSSELS, der bis heute noch in der
Redaktion mitarbeitet.

zur Besprechung der Idee einer solcherart kritischen
Rgionalzei- tung fand am 26. Jänner 1984 in
Aigen statt. Zugegen waren:
Andreas Höllinger, Georg Schwarz und Dr. Bernhard
Heindl (Pehers-
|
dorf, Philosoph und Weber, damals noch Obmann
des VEROM), Anni Wall-Strasser (Aigen, Pastoral-
arbeiterin), Robert Bräuer (Has- lach,
Organisationssekretär der KAJ), Franz
Praher (Rohrbach, AHS-Lehrer), Waltraud Winkler
(Aigen, Sozialarbeiterin). Erstmals wurde
versucht, inhaltliche Vor- stellungen einer "anderen
Mühl- viertier Regionalzeitung"
zu artikulieren: Die Zeitung
sollte Beiträge zur Regionalpolitik,
Ökologie, Regionalanalyse, der
Geschichte des Mühlviertels und Erfahrungsberichte
z.B. aus der Arbeits- und Schülerwelt bringen,
sich aber auch mit regionaler Kultur und bemerkenswerten
Ver- anstaltungen beschäftigen. Ins-
besondere sollte die Zeitung eine Koordinierungsmöglichkeit
aller Äußerungen von
kritischen Personen und Gruppen
des Bezirks darstellen, z.B. der Volkshoch-
schule, der Betriebsseelsorge, der kath. Arbeiterjugend,
der Filmclubs, des Jazz-Ateliers
und der im Bezirk tätigen "Basis-
gruppen", wie der Amnesty-, der S.Welt- und
der Friedensgruppen usw. (Die Informationen über
die Anfänge des SR stammen im wesentlichen
aus Aufzeichnungen von Bernhard Heindl, der bis
1987 in der Redaktion mitgearbeitet hat.)

|
Im Herbst 1984 sollte die Null- Nummer dieser
Zeitung erschei- nen. Bei einem Treffen im April
teilte sich die Ur-Redaktion in Zuständigkeitsbereiche
auf: B. Heindl für
Landwirtschaft, Re- gionalgeschichte und 3.Welt;
F. Praher für Erwachsenenbildung
und Kultur; A. Strasser für die Arbeitswelt;
G. Schwarz für
Regional- und Gemeindepolitik; A. Höllinger
für das Lay-Out und B. Menne für das
Titelblatt. (Ich selbst war erst 1983 von der Stadt
Salzburg herauf ins Mühlviertel gezogen,
mein Jüngster war noch an der Brust - ich
selbst in Karenz. Mein Bedürfnis
nach außer- häuslicher
Betätigung und nach Kommunikation zwecks Einwur-
zelung in meiner neuen Heimat waren dementsprechend
stark. So kam mir die
Mitarbeit am entstehenden
SAURÜSSEL sehr gelegen. Erst ein Jahr darauf
habe ich meine jetzige Tätigkeit als
Kulturarbeiterin aufgenommen, auf Grund dessen
ich mich dann auch stärker für
den SAURÜSSEL engagieren
konnte).

In der Nr. 1 zeichneten außer A. Höllinger
noch G. Schwarz und Heinz Duy (damals
in der Koblmühle,
Gem. Sarleinsbach), der ab da - bis heute - für
die Abo's verantwortlich ist, für die
Redaktion. Ab der Nr. 2 gesellten sich B. Heindl
und ich dazu. Im Herbst 85 war im VEROM eine
heftige Diskussion um den
SAURÜSSEL entbrannt, die vor allem von
den Regionalbetreuern Heiß! und Bergmayer
genährt worden ist: "Der SAURÜSSEL
sei kein Vereinsorgan, schreibe was er wolle,
die Leute verstehen nicht, was der
Verein mit dem
SAURÜSSEL zu tun habe; die» Regionalbetreuer
hätten Schwie- rigkeiten wegen dem SR, trauten
sich nicht mehr, ihn
zu propagieren.... Krenn und Breid |
hätten
(in der Sondernummer 2 a, die E. Matscheko - Schafbauer
und Techniker - persönlich zeichnete)
nicht angegriffen werden dürfen, denn breite
Teile der Bevölkerung stünden hinter
ihnen....". (Auch das von mir anläßlich
des ersten SAURÜSSEL -Festes gestaltete
Titelblatt der Nr. 4 mit
geflügelten, der Lustbarkeit
hingegebenen Schweinchen hatte den Unmut
von konser-
vativ-katholischen Kreisen erregt).

"Weiters sei der SR für den Normalverbraucher
zu "kultur- betont, zu kritisch,
zu negativ, ohne positive
Lösungs- vorschläge."
Das Konzept der Regionalbetreuer zur Ausgliede-
rung des SR aus dem VEROM wurde jedoch vom
Vorstand nicht angenommen. Im November 85
kam es zur zweiten öffentlichen Sitzung des
VEROM zum Zwecke der Kritik am SAURÜSSEL,
der die Kritiker jedoch ganz unerwartet fernblieben,
die zahlreich
erschienen "Sympathiesanten"
hingegen stellten überraschender- weise
fest: Der SR ist "zu wenig bissig und scharf,
hinsichtlich Korruption und Manipulation der
Bevölkerung sei er viel zu milde. Die Zeitung
sollte aktueller und konkreter sein, mehr politische
Entscheidungswege aufzeigen,
sachlicher argumentieren, mehr Schweinereien sollten
aufgezeigt werden, noch mehr Leute sollten
zu Wort kommen."
Als Folge davon zeigte sich mit einer Erweiterung
der Redaktion |
durch
Hans und Anneliese See- bacher und Gabi Wögerbauer
anläßlich der Winternummer 85/86
eine erste Blüte des SR. Die satirische und
bereichernde Feder von Hansi Seebacher blieb dem
SR nur von Nr. 5 bis einschließlich
Nr.8 gewogen. Auch Alois Reiter beteiligt sich
seit diesem Zeitpunkt
an der redaktionellen Arbeit.
Der SR hat die Identitätskrise des VEROM
überlebt, die Regional- betreuer, die den
SR gern als Propagandablatt für ihr eigenes
Marketing verstanden wissen
wollten, sind bereits ein Jahr später
gegangen. Mit der
Redaktionssitzung vom Jänner 86 war aber
klar, daß der SR "kein Vereinsorgan
mit Propaganda- sprache, kein Pseudo-Fachblatt
war, keine unengagierte
Plakat-Ideen-Verbreitung betrei- ben
sollte....".
Herbert und Anni Roth fanden sich ab der Nr.
6 ein: Noch heute ist Herbert für den Handverkauf
und für die Finanzübersicht verant-
wortlich.
Im Sommer 86 ist Gabi. W. nach Graz verzogen.
Im darauffol- genden Herbst
ist Veronika Lengauer,
Sozialarbeiterin aus Kefermarkt,
zu uns gestoßen, die einen weiteren Aufschwung
für den SR gebracht hat. Durch die Intervention
des Regionalbetreuers Ernst Miglbauer hatte sich
der FREI (Regionalverein des Unteren Mühlviertels)
für den SR zu interessieren begonnen;
er zeichnete von Winter 86/87
bis Frühling 89 als Mitherausgeber, wurde
aber dann von der
Redaktion wegen ausständiger
Verpflichtungen (ideeller und
finanzieller) wieder entlassen.
Seit der Nr. 10 zeichnet der Spengler Klaus
Wolfinger aus Tragwein, jetzt Gallneukirchen,
mitverantwortlich in der Redak- tion; andererseits
hat sich seit der Nr. 11 Bernhard Heindl daraus
zurückgezogen, stattet den SR jedoch
weiterhin mit seinen
wertvollen Beiträgen aus.
Im Frühjahr 87 melden die
Redaktionsnachrichten: "Eisiger
Wind bläst heutzutage allen ins Gesicht"
, die Auseinandersetzung mit den Regionalbetreuern
und |
ihrer
Auftraggeberin, der ÖAR (dem Dachverband
der Regionalvereine)
sind auf dem Höhepunkt. Die
allgemeine Verunsicherung ist
deutlich, wenn auch der vom
VEROM veranstaltete "Erdsegen"
im Frühling ein großer
Erfolg und ein Auftrieb (vor allem für unsere
Bauern) gewesen ist.
Seit der Nr. 11 ist Gerhard Pilz mit von der
Partie. Im Sommer 88 wandert Veronika ab,
während die aus der BRD
stammende Kindergärtnerin
Gabi Landertinger (Neufelden) zu uns stößt.
Im Herbst 88 bekommen wir noch willkommenen
Zuwachs durch Maria Arnreiter,
Kulturarbeiterin in Freistadt, seitdem ist
unsere Redaktion ein und
dieselbe geblieben. Nicht zu vergessen
sei auch das emsige Schwärmen
unserer "Honigbiene"
Maria Honsig, Religionslehrerin
aus St.Martin, die uns von Anfang an
durch wertvolle Tips&Tricks,
sowie durch herzerfrischende
Neuigkeiten aus ihrer Feder die Treue gehalten
hat, wenn sie auch nie ins Impressum gedruckt sein
wollte - sowie unseren Frischling Jutta Mitter,
Maturantin und Mutter aus
Rohrbach.

Die Nummern
0 und 1 : Fa. Wallner in Niederranna,
seitdem auf Umweltschutzpapier
durch die Druckerei Steurer
in Linz. Das Layout wurde bis zur Nummer 15
händisch erstellt, seither setzen wir den
SR auf einem ATARI 1040ST.

mit dem Untertitel "Mühlviertler
Landbote" kam nach längeren Diskussionen
zustande. Der
Hauptname stammt von mir: er schien mir lustig,
aggressiv und mühlviertlerisch genug, um unsere
Intentionen kurz und bündig aufs Titelblatt
zu bringen. (Zur
Erinnerung: Der "Saurüssel" ist
der Berg, der von Linz aus kommend, überwunden
werden muß, um ins Obere Mühlviertel
zu gelangen - heute auf einer erst im Vorjahr
ausgebauten, zum Rasen
einladenden Straße. Unsere neue Zeitung
sollte sozusagen den
|
Eintritt ins
Obere Mühlviertel spirituell ermöglichen
mittels durch sie vermittelte Kenntnisse
und Informationen.
In bewußter
Anlehnung an die genau vor 150 Jahren von Georg
Büchner (1834) gegründete erste
sozialistische Kampfschrift, den "Hessischen
Landboten", brachte Bernhard Heindl den Untertitel
ein.
VORBERICHT
Dieses
Blatt soll dem hessischen Lande die Wahrheit melden,
aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt;
ja sogar der, welcher die Wahrheit liest,
wird durch meineidige Richter
vielleicht gestraft. Darum
haben die, welchen dieses
Blatt zukommt, folgendes zu beachten:
1. Sie
müssen das Blatt sorgfältig außerhalb
ihres Hauses vor der Polizei verwahren;
2. Sie
dürfen es nur an Freunde mitteilen;
3. Denen,
welchen sie nicht trauen wie sich selbst, dürfen
sie es nur heimlich hinlegen;
4. Würde
das Blatt dennoch bei einem gefunden, der es gelesen
hat, so muß er gestehen, daß er
es eben dem Kreisrat habe bringen wollen;
5. Wer
das Blatt nicht gelesen hat, wenn man es bei ihm
findet, der ist natürlich ohne Schuld.
Friede
den Hütten. Krieg den Palästen.

Die
auch im oben zitierten
"Hessischen Landboten" zu Tage |
tretende "Anstößigkeit"
von kontroversiellen Schriften
in der Provinz bekam auch
der SAURÜSSEL gelegentlich
zu spüren. Lange wurde er z.B.
in uns bekannten Trafiken mit anderen, der
Jugend verbotenen Schriften, unter der Budel gehandelt:
heute liegt er hier züchtig versteckt bei
den "politischen" Magazinen
(hinter dem Profil).

kam unter
Mitwirkung von A. Höllinger, B. Heindl, F.Praher,
G.Schwarz und mir zustande. Sie umfaßte
20 Seiten und beinhaltete folgende Artikel: Zur
Anatomie der Zeitung; Warum heißt
der SAURÜSSEL Saurüssel;
Grabe, wo du stehst; Was steckt hinter dem
Verein für eigenständige Regional- entwicklung;
Nicaragua;
Baumlyrik;
Arbeitslos; Hier spricht der biolog.
Landbau;
Erfahrungsbericht
aus der
Koblmühle; Tips&Tricks.
Autoren waren
außer den genannten
Personen der
Redaktion: Eine Schülerin, die anonym
bleiben wollte (Nicaragua- Bericht), ein Hauptschüler,
Anni Wall-Strasser, Karl
Radler (Pensionist), Heinz
Duy (Bäcker und Lebenskünstler) und G.M.
Hopkins (engl. Schriftstellerin
1844-89).

wurde vorgestellt
als:
- "Sprachrohr
für freiwillige und unfreiwillige Arbeitslose,
Alte, Kriminelle, Frauen, Exzentriker,
Lehrlinge, Schüler, Behinderte,
Landstreicher und andere Normale.
- Spielwiese
für Ideen, Tablett der Früchte der Phantasie,
Blick- punkte, Sichtweisen, Satiren...
Kritisch und offen für Probleme und Anliegen
unserer Region - für unsere Region".

"Unabhängig,
offen, frei...bestrebt,
eine Kommunikation
unter allen Gesellschaftsgruppen zu schaf-
fen." Nach Auswertung des in der Null-Nummer
präsentierten Frage- bogens wünschten
sich die Leser damals besonders Beiträge zur
|
Regionalpolitik,
Regionalge-
schichte, Emanzipation, Träume, Landwirtschaft.
Weiters: Witze, Ernährung/Gesundheit, philosoph.-
theolog. Spekulationen, Gedichte, Tauschvermittlungen,
"Überregio- nales", Informationen
zum Umweltschutz.
Rückblickend
auf die Ausgangs- situation des SRs erscheint mir
folgendes bemerkenswert:
- Die Idee
zur Regionalzeitung kam von außerhalb
des Trägervereins VEROM.
Andreas Höllinger zählt bis heute nicht
zu dessen Mitgliedern, blieb aber bis heute
der Redaktion als "aktiver" Mitarbeiter
treu (wahrscheinlich, weil er von den
zahlreichen sonstigen Aktivitäten des VEROM
unberührt seine Kräfte erhalten
konnte). Bernhard Heindl und Robert Bräuer,
zwei stark engagierte Mitarbeiter,
brachten ihre journalistische Energie nur
eine Zeitlang (B.H. bis 1987 oder sporadisch, wie
R.B.) ins gemeinsame
Blatt. Franz Praher zog sich ab der Nummer 3 vom
SR, nicht aber vom VEROM zurück, gründete
im eigenen Umfeld die VHS-eigenen "FIND-
LINGE". Anni Wall-Strasser und
Waltraud Winkler
sind weg- gezogen.
- Aus der
Zusammensetzung der Ur-Redaktion und aus den von
ihr seit Beginn formulierten Zielen (konfessions-,
partei-, schicht- übergreifend)
läßt sich eine
ausgeprägte Heterogenität der
Inhalte des SRs feststellen. Der SAURÜSSEL
war von Anfang an bunt und in sich widerspruchsvoll:
bis heute
hat die Grundsatzdis- kussion innerhalb der Redaktion
nicht aufgehört, was sich zuletzt in
ähnlichen Fragen wie: "Sind wir zu negativ?
Urteilen wir zu häufig? Ist Agressivität
prinzipiell negativ zu bewerten? Was sind "positive"
Darstellungsweisen, was "nega- tive"?
Wie hoch ist der
Informationswert unserer Zeitung einzuschätzen?
" äußerte.
Unterschiedliche
Kräfte waren und sind beim SR am Werk, doch
wir stellen uns der Diskussion, halten der
Zereißprobe, die im Grunde alle "alternativen"
(lebendigen) Gruppierungen bedroht,
stand. Zweimal jedoch haben Mitarbeiter |
die Redaktion wegen inhaltlicher
bzw. wegen formaler Differenzen verlassen:
1987 Karl Radler in der Diskussion um die Bewertung
des "Gedenkjahres" und 1989 Max
Danecker.
- Mit Ausnahme von mir hat die Ur-Redaktion
aus Mühlviertlern bestanden. Der oft
erhobene Vorwurf, der SR sei eine Art "Exil-
Zeitung von Stadtflüchtern", ist
weder für seine Gründung noch für
die heutige Zusammensetzung der Mitarbeiterinnen
zutreffend.
- Die Grundmotivation, mit dem SR ein Medium
zu schaffen, das den geringen
geistigen Toleranzspielraum
ausnütze, um ihn systematisch zu erweitern,
gilt bis heute. Dazu sollte die Zeitung zwischen
den Klippen der
Diplomatie und dem unbequemen Aufzeigen von
Sachverhalten sowie von
gesellschaftlich tabuisierten
Grauzonen
hindurchsegeln lernen. Der frisch in die Welt
gesetzte Frischling sollte zum "Stein des
Anstoßes" werden, andererseits aber
selbst verletzbar, angreifbar
und beweglich bleiben gegenüber
den Rückmeldungen und den Anliegen der
Leserschaft.


Wann hat der SAURÜSSEL mehr oder minder
erfolgreich tabuisierte (unanfechtbare, verschlossene)
Grauzonen der Gesellschaft
angetastet? Mit der Nummer 1 ist der SR
gleich kräftig ins
Fettnäpfchen der Land-Bürger
getreten: wer wagte bisher eine der denkmalgeschützten
heiligen |
Kühe
der traditionellen Ordnung, die Schule, anzugreifen?
Und der SR übergab das Mikrofon gleich
einem Kind, das sein schrilles "Die Schule
ist blöd" in die heile Welt der Duckmäuser
hineinschmet- terte. In Nummer 5 folgte ein
Verriß der schulischen Gruß-
Dressur mit der vom selben Bengel entwickelten
"Begrüßungsma-
schine", wenn auch in der Nr. 4 mit der
"Lebensluft der neuen Schule" von Genia
Schwarzwald schon eine frische
Brise belebender Utopien den
Kaser- nenmief der "Schulwelt" durch-
kreuzte. Es folgte der lebendige Lichtblick,
die fortlaufende Wür- digung der Schule der
Kinder, der inzwischen wegrationalisierten
Schule in Haid bei Königswiesen von Richard
Pils ("Vom Wohnen und Reisen" - SR Nr.
8), eine praktizierte Alternative
im Heimunterricht ("Ja derf
ma denn des überhaupt" in SR Nr. 12)
und ein Frontalangriff auf die im Bezirk Rohrbach
herrschende Praxis der "Umwelterziehung":
"Die Schule repetiert" in Nr. 15. "Der
ganz normale Skandal" war so normal und
die Angegriffenen so
reptilienartig starr, daß der Stich
ins Leere ging: der selbe Artikel hätte in
der "Rundschau" Aufsehen erregt, nicht
aber im SAURÜSSEL, der die breite Öffentlichkeit
nicht erreicht und deshalb auch nicht erregt.
Ich vertrete seitdem die Meinung, daß der
SAURÜSSEL die Narrenrolle spielt im Drama
der Medienmächtigen und er sich alles
leisten kann.
Nr. 16 brachte
"Erziehung zum Antifaschismus" und "Schule
ohne Aussonderung".

Der von Alois
Reiter in Nr. 1 persiflierten Eröffnung
einer heiligmäßigen
Messe des Konsums stellten wir die Eröffnung
des Supermarktes auf dem Weg über die
Oberlichten gegenüber: Ein "echter Einbrecher"
beschreibt sein illustres Handwerk - und
in der Nr. 2 stellt er sich selbst vor:
"Mit
12 Fingern geboren". Nach 2 Jahren in Freiheit
ist Joe von Vanni wieder "intern" aufgetaucht
- für den SAURÜSSEL ist es erfreulich,
weil er uns wieder |

Beiträge
schickt als "Joe von der Weiden" - hinter
neuen Gittern, wo er sich's leisten kann, wieder
zu schreiben.
' In der Nr.
15 folgte "Nullpunkt", der die Haslacher
Punks zu Wort kommen ließ,
und die
Dokumentation einer Außenseiter- veranstaltung
in Gutau. Wie schon in
unserer Erstvorstellung
identifiziert sich unsere Zeitung mit den Verfemten,
den Nicht-Seßhaften, Aus-der-
Rolle-Gefallenen als den
"Normalen", weil sie ihre eigene
Existenz als eine
Art "Samisdat-Presse"
mit "dissi- denten"
Autoren auch nur als höchst folgerichtig und
normal ansehen kann.


Die schon in Nr. 1 verlautete Nachricht der
Redaktion an die Leser, unser Landbote wolle "in
die herrschende Geistesbeschrän- kung
einbrechen, um darin Luft zu |
machen"
und "vielerlei Sprachen und Themen über
die üblichen Grenzen hinwegtragen", um
"keine Einhelligkeit der
Meinungen zuzulassen" zielte
natürlich auch auf die Frauen, diese
meist schweigende Mehrheit und in der Öffentlichkeit
traditionell ausge- sparte erste Minderheit
der Bevölkerung. In eigener Sache
meldete ich mich erstmals im "Scheiterhaufen"
zu Wort, damit die Rollenzwänge, in denen
ich mich selbst gefangen wußte,
infragestellend. In der gleichen Ausgabe schreibt
die junge Krankenschwester
Gabi Wöger- bauer in den Redaktionsnach-
richten "Mädchen-Alp-Träume"
von ihrer häufigen Angst vor Vergewaltigung.
Es folgten in der Nr.7 "Der blühende
Mohn oder wie es uns sogeht", eine der stärksten
Artikulationen zeitgenössischer
weiblicher Befindlichkeit von der Bäuerin
Sophie Brandstetter, neben
"Erotische Bilder im
Volkslied" von Susanne Lach, die den
männlichen Frauenkonsum in Liedern untersuchte.
In Nr. 9 kritisierte bereits eine Leserin
(Paula Matscheko) meine in der Vornummer ("Ein
Vorwort zur Erotik") getroffene Unterscheidung
von Erotik und Sexualität. In der Nr.
10 rührte ein junger Mann(!), Gernot K., an
ein stark tabuisiertes Thema: Die Ver-
gewaltigung in der Ehe. Mit "Puppe abwerfen
und Selbst- verantwortung" meldete
sich in der Nr. 12 neuerdings S. Brandstetter
zu Wort, in "Eierlegen
im Drahtkäfig" legte
eine junge Webereiarbeiterin ihre Arbeitsbe-
dingungen offen, und zwei
Mühlviertlerinnen berichteten über
ihre Teilnahme am "Weltkongreß der Frauen
in Moskau". Die Nr. 13 brächte das
"Märchen vom
Margaretha-Lied". Es folgte in Nr. 15 ein
Schrei nach der
Bäuerinnenpension, ein Bericht
über "Das Ansehen der Bäuerin"
und "Wasser und Freiheit" (über
die Teilnahme an einem Frauen- seminar in Mali).
Nr.16: Über "Land-Frauen-Leben",
und Nr. 17 wieder ganz stark
in der tabuisierten Frauenfrage:
"Maria im Zeitalter des Kapitalismus",
zum Erziehungsgeld: "Schafft die |
konventionelle
Arbeitsteilung" ab" und "Die Zukunft
ist weiblich", "Ein Bund für Bäuerinnen"
(Nr. 18) und "Das Bier und die Frau (Nr.19).
Festzuhalten
ist in diesem
Rückblick auf unsere fünfjährige
SAURÜSSEL-Arbeit, daß nicht
wenige Frauen - auch ich - durch die vom (androgynen)
Landboten ausgehende Ermutigung und
Ermunterung sich erstmals getraut haben, in
einer Zeitung mit der eigenen Weltsicht hervorzutreten.
Ich glaube, dies ist eine nicht zu unterschätzende,
die gewöhnlich männlich dominierte Monokultur
der Provinzpresse (und darüber hinaus)
unterwandernde Leistung des SAURÜSSELS.

In diesen
Bereichen konnte der SR in mehrfacher Hinsicht
wertvolle Aufbau-, Informations-
und Dokumentationsarbeit leisten.
1. Mit der
nicht spekulativen, sach- lichen Informationestätigkeit
des eigentlich "metierfremden"
selbsttätigen Forschers in Sachen Landwirtschaft,
Bernhard Heindl:
Von Anfang
an waren seine Bei- träge "Aus der Landwirtschaft"
in Ihrer engen Verflechtung mit der 3. Welt
eine unverzichtbare Orien- tierungshilfe für
Agrarier und Konsumenten. Weitere Beiträge
erschienen zum biologischen
Landbau, zu Zusammenhängen
von Hunger und Überfluß, zu den Agrarimporten,
zur industriali- sierten Landwirtschaft
i. d. USA, zum Pestizideinsatz, zu Schär-
dinger, zum Naturgarten, "Aus Brot werden
Steaks", Auswege aus der Krise, "EG-
Chance für die Bauern?".
2. Die regionalpolitische
Interes- sensgemeinschaft der Bauern
gegen den geplanten Ausbau der Variante 5:
Bereits mit der Nr. 2a hat der SR die
V5-Gegner gesponsert: Diese Nummer wurde
zur Gänze von E. Matscheko gestaltet
unter Mitarbeit von Andreas Höllinger,
von dem auch die Idee zu dieser Sondernummer
stammte: sie wurde von den |

betroffenen
Bauern zur Gänze finanziert. Matschekos Artikel
ist von den ca. 20 versammelten Bauern gutgeheißen
worden. In , den betroffenen
Gemeinden Altenfelden, Lembach,
Hörbich und Putzleinsdorf wurde die
Nr. 2a an jeden Haushalt geschickt. Die Reaktionen
waren vielfach poitiv, aber teilweise auch sehr
entrüstet (wegen Beleidigung des berühmten
Herrn Krenn, der - ohne seinen 2fachen Doktortitel
- auch "Gastarbeiter
in Deutschland!" genannt
worden ist). Der LA und Bürgermeister von
Atzesberg Leitenbauer drohte dem SR
in diesem Zusammenhang mit einer Klage wegen
einer ihm angeblich unterstellten Äußerung.
Der SR konnte mit einem humorvollen Widerruf
in der Nr. 3 die Klage jedoch abwenden.
In beinah allen Nummern
berichtete der SR über die
weiteren Bemühungen der
Straßengegner: Im Juli 85 ging eine
weitere Sondernummer (15a) zur V5 in die Lande,
als der Oberste Gerichtshof
die Beschwerde der 14
enteigneten Bauern für zurecht erklärt
hatte. Festzuhalten ist, daß der Kampf
um die Verhinderung der V5 nicht ausgestanden ist.
In der Zwischen- zeit aber sind die Kräfte
erheblich zusammengewachsen: der VEROM mit
den Straßengegner und diese wiederum mit
dem SAURÜSSEL, während andererseits
die öffentliche Meinung
auch in Zusammenhang mit
anderen sinn- losen Straßenbauten in OÖ
sich eher zugunsten der Straßengegner |
verändert
hat.
In Zusammenhang
mit der Diskussion um
die V5 und den inzwischen ausgestandenen Kampf
gegen Wackersdorf wurde im SR auch (angeregt
durch Günter Anders) eine Grundsatzdiskussion
um die Gewalt oder
die Gewaltfreiheit im politischen
Widerstand geführt (Sr Nr. 10). In bewußter
Verknüpfung zu den aktuellen Widerstandsbewegungen
der Agrarier brachte E. Matscheko in 2 Folgen
seine Geschichte der, Bauernkriege "Es mueß
seyn!" (SR 11 u. 12)
3. Auch das
Wachsen der im Mühlviertel beheimateten "Agrar-
Opposition" der
Österr. Bergbauernvereinigung
und der neuen Bio-Bauern von
"Erde & Saat*. "Das Weizenattentat
in Rohrbach" hat der Saurüssel dokumentiert
4. Die Beiträge
zu einer neuen Lebensmittel- und Vermarktungs-
philosophie: "Geschichte des
Glykols" (v. Hans Diwald), Käserei,
Schwierigkeiten, der Rohrbacher Bauernmarkt, Cäsiummilch,
Die Muli, Das Dilemma unserer
angereicherten Nahrung, Der
Mensch ist, was er ißt, Halbzeit oder
Mahlzeit, Das Lebende
Wasser, Sein oder Werden,
sG'wölb'. "Vom Anfeil-
und Fürlagzwang und
der freien Marktwirtschaft";
Wildkräuter,
Haltbarmach-Schlau- meiereien, Biwak im
Schnee, Winke für Flaschen, Honig-Nektar,
Vollwert-Gebäck;
Die Beiträge
zum Rausch- und Suchtverhalten in der Nr. 19

|

schlug sich von Beginn an in grundsätzlichen
Beiträgen nieder:Die Zukunft wird ohne Atomkraft
sein. Zur Elektrizitätsversorgung;zur Flurbereinigung;
das Anlegen von naturnahen Hecken;
Zu Wackersdorf; Der Naturgarten;
Keine Einmischung in
Drogenfragen; Die Moldau wird verdampft; Hausmüll;
Wasch- mitteleinsatz; zum Dorfertal;
Zum Niedergang des Waldes; Zur
Stromschiene nach Temelin; Die Selbstentsorger;
Auf freiem Land; "Tschernobylder", ein kraftvoller
lyrischer Zyklus von Alois Reiter.
"Von den modernen Allergien unter der Herrschaft
des Geistes" von B. Heindl war auch ein
wesentlicher Beitrag zur
Humanität der Arbeit;
"Die Entwicklungssucht der Moderne"
v. S. Groeneveld; Dokumentation von Umwelt
-Aktionenen in der Region: Der Bauer Amerstorfer
klagt Wackersdorf, Fahrt
nach Wackersdorf, Bericht
von Hainburg, Protest gegen
die 110 KV-Leitung, zur Giftstätte im
Weinbergholz, die Selbst-
entsorger, Pühinger
lügt. "Konzertreise
gegen den Atom- krieg", "Musik gegen
Atom".

1 REGIONALGESCHICHTE:
Textilarbeiterstreik
in Haslach;
Der Bauernadvokat
Mathias Brandl; Die Schule in
Aigen 1824;
Tagebuchaufzeichnung
einer Bäuerin
1933-47; Kinder schreiben eine Dorfchronik; Die
Revolution von Reichenau; Ein Speisekarten-
vergleich; Der kleine Unterschied;
Die Entstehung
der Gasthäuser in Paris.
2 ZEITGESCHICHTE:
"Geschichtlicher
Abriß eines Österreichers"
in Fortsetzungen;
Lehrzeit vor
60 Jahren; Stichwort:
Vergangenheitsbewältigung;
Weih- nachten eines Frontsoldaten; Aber sagen
Sie nicht, daß Sie Jüdin sind! - Kriege:
Tendenz steigend;
Die Mühlviertler
Hasenjagd;
Würdigung
der Pensionistin M. |
Urz;
Kirche in der NS-Zeit; In
memoriam E.
Fried. Klare Stellungnahmen
brachte der SR auch zur österr. Misere des
neuen Staatsoberhauptes: Unser neuer Bundespräsident
ist ein Gerechter! Der Pflichttäter 1986;
Gefühle, die ich nicht will; Über die öffentliche
Verwirtschaftung der Sprache;
Sprachregelung
86 usw.
Neben der
Dokumentation und Würdigung von neuen regionalen
Projekten, einer fortlaufenden
Kulturgeschichte der Pflanzen... brachte der SR
Erstveröffent- lichungen und Nachdrucke von
bedeutender, seltener Literatur, - aber auch

die das weite Kulturverständnis und das
soziale Engagement des Verom darstellen: "Leben
wir in einer benachteiligten Region? - Ermuterung
zur Eigenständigkeit; Bilder aus der Bildung; Lehren
der Vergangenheit-Experimente für
die Zukunft (über die ländl.
Baukultur); zur Dorf-Erneuerung; Lernen wir
das Helfen: Eigenständige
Regionalentwicklung als Prophe- tischer Dienst
an der Heimat usw.
Meiner Meinung nach sind Der SAURÜSSEL
und sein
Trägerverein mit vielen seiner Leser/innen
in diesen ersten Jahren mehr
und mehr zusammen gewachsen: Wir spüren, daß
wir alle einander notwendig haben.Wir könnten
weiter in die gemeinsame Richtung gehen...
Mögen unsere Leser selbst
urteilen, ob es der SAURÜSSEL gebracht
hat, ob er die Zeichen, unter denen er angetreten
ist aufzunehmen und in die Tat umzusetzen
verstanden hat.
Unsere weitere Zeitungsarbeit en miniature,
wie wir sie befeiben, hängt aber wesentlich
nicht nur von unserer anhaltenden Freude am
journalistischen Tun ab,
sondern vor allem von seiner Anerkennung durch
unsere Leser: Bleiben Sie uns
gewogen, verbreiten, abonnieren Sie
unseren SAURÜSSEL! |
Das also ist die Geschichte
unseres Saurüssels:
Mitarbeiter und Redaktionsmitglieder,
oben im Text ja auch erwähnt, waren:
Gabi Landertinger
Ernst Matscheko
Gerhard Pilz = Bütz
Herbert Roth
Maria Arnreiter
Brigitte Menne
Jutta Mitter
Klaus Wolfinger
Hubert Sigl
Joe von der Weiden
Andreas Höllinger
Alois Reiter
Maria Honsig
Heinz Duy
Bernhard Heindl
sowie einige weitere,
die aber meist nur für einen kürzeren Zeitraum dabei waren
oder eben nur einen Artikel verfaßt haben
Ich selbst habe mich
in dieser Jubiläumsnummer wie folgt beschrieben:

geboren im Winter,
was mir das Geburtstagsfeiern im Freien erschwert.
Melke 10 Milchschafe
und vermarkte alles selbst und direkt, was nicht heißt,
daß ich nicht
schon anderes gemacht habe. Verheiratet, 3 Kinder,
15 Schafe, 20 Hühner,
50 Karpfen, 1 Katze, Hund gestorben.
Zum Verdruß diverser
Lokal"größen" habe ich es nicht nur beim
Schreiben belassen.
Hobbys: Politik, Bier, Frank Zappa
Ein Wenig hat sich also
doch verändert mit den Jahren.

matsch ernst 2004 |